Dr. Walter Vogl über Tamamu

Dr. Walter Vogl über Tamamu

Der Name Tamamu steht für Tanz, Malerei und Musik. Die Produktionen dieses Ensembles sind ein Mittelding zwischen Performance und Tanztheater und stehen in der Tradition des Gesamtkunstwerkes, eines Terminus, der sich in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts in Deutschland etabliert hat. Gemeint ist damit die Vereinigung aller Künste (bildende Kunst, Schauspielkunst, Tanz, Dichtung, Musik) zu einem einheitlichen Kunstwerk. Das Gesamtkunstwerk strebt eine Verbindung von Kunst und Wirklichkeit an, »denn zu ihm gehört“ in den Worten von Odo Marquard „die Tendenz zur Tilgung der Grenze zwischen ästhetischem Gebilde und Realität«. Sowohl die Wortprägung als auch die Durchsetzung des Konzeptes gehen auf Richard Wagner zurück, der das »Kunstwerk der Zukunft« in seinen Züricher Schriften (1850/51) formulierte und in seinen Musikdramen als Modell entwickelte. Wagner erkannte, »daß der künstlerischen Spezialisierung von einzelnen Gattungen und Medien die tatsächlichen Vorgänge der Wahrnehmung nicht entsprachen« (B. Brock). Neben der Kooperation mehrerer Wahrnehmungsorgane und ihrer Funktionen fließen Ideen von Kunst als zweiter Natur in der Wagnerschen Ideologie zusammen. Eine theoretische Definition des Begriffs Gesamtkunstwerk wurde allerdings nie unternommen und er wird auf die unterschiedlichsten Phänomene angewendet.

Um eine solche „Synthetische Vision“ handelt es sich auch im Falle des Tanz-Musik-und Maltheaters der aus Wien kommenden Gruppe Tamamu, die Ende der 80er Jahre von der Schweizer Tänzerin Bettina Nisoli und dem Wiener Maler Roman Scheidl gegründet wurde. Bettina Nisola war am Anfang die treibende Kraft, daher stand auch der Tanz im Zentrum der Arbeiten von Tamamu. Bettina Nisolis Verständnis von Tanz wurde übrigens durch ihre japanischen Lehrerin stark geprägt. Die Idee, das Bühnenbild für die Tanzperformances live zu zeichnen und mit einem Overhead Projektor auf die Bühne zu projizieren, war anfangs eher praktischer Natur. So konnte man sich die aufwendige Herstellung, Lagerung und den Transport des Bühnenbildes ersparen. Als wesentliche Einflüsse in der ersten Phase dieses Ensembles sind Modern Dance, Japanische Tanztraditionen wie Butoh, aber auch das musikalische Repertoire des zwanzigsten Jahrunderts von Anton Webern bis Satie zu nennen, des weiteren der Modernismus in der Bildenden Kunst, hier vor allem Kinetische Objekte in der Tradition der Ready Mades von Marcel Duchamp, denen man sozusagen das Laufen lernte, und japanische und chinesische Tuschezeichnung mit ihrem Element der Spontaneität, des nicht mehr Koorigierbaren. Nach dem Tod von Bettina Nisoli 1996 und bedingt durch den Einfluss der neu zur Gruppe gestoßenen Regisseurin Katharina Puschnig kamen literarische Texte hinzu. Die Besetzung, in der sie Tamamu heute sehen werden, ist seit einigen Jahren stabil. Am Overhaed Projektor steht Roman Scheidl. Für die Musik zeichnet Kyoko Abe verantwortlich, die einige, aber nicht alle der Tamamu-Stücke komponiert hat und schon seit den frühen Tamamu-Tagen mit dabei ist. Die Regisseurin Katharina Puschnig ist 1997 zu Tamamu gestoßen, die austro-brasilianische Tänzerin Magda Loitzenbauer 1999 und der Tänzer Hideo Arai 2003. Das Ensemble wird ergänzt durch das Gastspiel des Biwaspielers Kazuyuki Shiotaka und der Sängerin Aya Suzuki, die exklusiv für den heutigen Abend zur Gruppe dazugestoßen sind.

Wesentliches Element in den Produktionen von Tamamu ist die Flüchtigkeit. Die Illustrationen, die Roman Scheidl spontan auf eine durchsichtige Folie zeichnet mit einem Overhead Projektor auf die Bühne projiziert, die werden nämlich nur für den Moment gezeichnet. Die Folien bleiben nicht erhalten, sie werden nach jeder Tamamu-Performance weggeworfen. In der schnellen Abfolge, mit der die Zeichnungen auf die Folie gepinselt werden müssen, bleibt auch keine Zeit, Fehler zu korrigieren. Im Laufe der Jahre hat Roman Scheidl die Technik der automatischen Zeichnung perfektioniert. Anfangs fehlte ihm die Geläufigkeit, die er sich durch Übungen wie etwa Blindzeichnen (Zeichnen mit verbundenen Augen) anfertigte. So hat er sich langsam auch ein riesiges Arsenal an Formen erarbeitet, eine Art von universeller Sprache. Ein Teil dieser Formen ist in seine Gemälde eingewandert, aber auch in seine keramischen Arbeiten. Des weiteren hat er eine Unzahl von Leporellos produziert, Bilderbücher, die man von vorne wie von hinten lesen kann und die aus einem einzigen Stück Papier bestehen, das zu Seiten gefaltet wird. Ausgebreitet sehen sie aus wie der Balg einer Ziehharmonika, ergeben eine Länge von 3 bis 6 Metern. Bisher sind mehr als hundert solcher Bücher entstanden, die eine Schule der Geläufigkeit und Zeichenkunst darstellen. In der Probezeit für neue Produktionen arbeitet Roman mit einem Skizzenbuch, das ihm dann während der Performances, für die er sich immer auch aufwärmen, warmzeichnen muss, als eine Art von Partitur dienen, die er dann, von Abend zu Abend variiert, in den jeweiligen Rhythmus des Stückes einfügt. Denn der Rhythmus der Tamamu-Stücke, den er während des Zeichnens oft mitsummt, ist wichtig, ohne ihn kann der Pinsel des Malers Scheidl nicht zu tanzen beginnen. Roman Scheidl arbeitet jedoch nicht ausschließlich mit dem Pinsel, sondern auch mit vorgefertigten Passpartouts (vorgeschnittenen Schablonen), das sind aus Pappendeckel ausgeschnittene Formen, die er auf die Bühne projiziert. Projektionsfläche für die Zeichnungen Scheidls ist nicht nur die Leinwand, sondern auch der Körper der Tänzer, ihre Kleidung, die der Maler in das optische Geschehen auf er Bühne mit einbezieht. Erwähnt werden müssen in diesem Zusammenhang auch die Effekte der Beleuchtung, das Einbeziehen von Licht und Schatten. Die Produktionen von Tamamu können sehr unterschiedlich sein, weil in manchen der Tanz, in anderen aber eher das gesprochene Wort eines für die Bühne adaptierten literarischen Textes im Vordergrund steht. Sie sind aber keine reinen Improvisationen, sondern gehen von festgelegten Partituren aus. Improvisiert wird dann innerhalb dieses festgelegten Rahmens, welcher der Improvisation manchmal mehr und manchmal weniger Raum läßt. Das verschiedenste Bühnen bespielt werden, muss man sich auch mit einer Vielzahl von räumlichen Gegebenheiten auseinandersetzten und die Stücke entsprechend adaptieren. Denn es macht einen großen Unterschied, ob man in einem alten Kino, einem Theater, einer Kunstgalerie oder im Festsaal einer Universität spielt.

Das Einzigartige der Produktionen von Tamamu, die nicht nur was die Räumlichkeiten anlangt adaptierbar sind, sondern auch was den kulturellen Rahmen anlangt, scheint mir in der einzigartigen Interaktion der Live-Zeichnung mit den anderen Elementen der Show, also Tanz,
Sprache und Musik zu bestehen. Damit möchte ich meine Ausführungen beenden und ihnen einen schönen Abend wünschen.

Dr.Walter Vogl
Keio Universität Tokio 7.Okt.2005



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